Zum Tode von Georg Preuß
Am 28. September 2009 verstarb in Leipzig nach langer Krankheit unser Kollege Georg Preuß. 1938 in Ostpreußen geboren und durch die Kriegswirren nach Leipzig verschlagen, erlernte Georg Preuß als 13-Jähriger in einer Schülerarbeitsgemeinschaft die Stenografie. Im Jahre 1956 begann er ein Studium in der Fachrichtung Oberstufenlehrer für Russisch. Den entscheidenden Anstoß, sich mit der Kurzschrift intensiv zu beschäftigen, erhielt er im gleichen Jahr durch die Teilnahme an einem Lehrgang zur Stenografielehrerausbildung an der Universität Leipzig. Er war und blieb der Einzige, der dort die Stenografielehrerprüfung mit der Note „Ausgezeichnet“ bestand.
Da ihm die Tätigkeit als Oberschullehrer nicht zusagte, brach er sein Studium ab und erlernte den Beruf eines Industriekaufmanns. Danach arbeitete er etwa ein Jahrzehnt lang freiberuflich als Verhandlungsstenograf. Parallel dazu absolvierte er ein externes Sprachmittlerstudium mit Staatsexamen in Russisch und Englisch. Von Oktober 1969 bis Dezember 1992 war er an der Universität Leipzig als Lehrer im Hochschuldienst tätig und dabei insbesondere für das Lektorat für Stenografie zuständig. Den Abschluss seiner beruflichen Laufbahn bildete von 1993 bis 2003 die Arbeit als Parlamentsstenograf im Sächsischen Landtag in Dresden.
Als Wettschreiber war Georg Preuß überaus erfolgreich. Beim DDR-Stenografentag 1961 schaffte er in der 9. Minute des Steigerungsdiktats 440 Silben. Aufgrund dieser Leistung war er einer der fünf DDR-Stenografen, die nach Wiesbaden fahren durften, wo im August 1961 im Rahmen des 25. Intersteno-Kongresses der 1. Internationale Kurzschriftwettbewerb stattfand. An insgesamt elf Intersteno-Kongressen nahm Georg Preuß erfolgreich als Wettschreiber teil. Fast drei Jahrzehnte lang gehörte er zu den fünf besten Wettschreibern der DDR. Beim DDR-Stenografentag 1969 in Dresden bewältigte er erstmals 500 Silben/min. Trotz stärkster Konkurrenz wurde er 1973 in Erfurt und 1978 in Neubrandenburg DDR-Meister. In Belgrad gewann er 1979 im erstmals ausgetragenen Internationalen Wettbewerb in Mehrsprachenstenografie mit fast fehlerfreien Übertragungen in Russisch und Englisch die Bronzemedaille.
Große Verdienste erwarb sich Georg Preuß als Kurzschriftlehrer und –trainer. Schon seit 1958 leitete er in Leipzig Übungsgruppen für Geschwindigkeiten über 200 Silben/min und trug so wesentlich dazu bei, den Ruf Leipzigs als Stenografiehochburg zu festigen. Seit 1970 war er Mitglied des Systemausschusses (später Ausschuss für Stenografie) der Gesellschaft für Stenografie und Maschinenschreiben der DDR (GSM). Jahrzehntelang bearbeitete er die Rubrik „Englische Stenografie“ in der Verbandszeitschrift „Der Stenopraktiker“. Nach Inkrafttreten der Urkunde der Deutschen Stenografie vom 1. Juni 1970 zeichnete er für die in der DDR gültige Anpassung dieser Schriftform an die englische Sprache verantwortlich. Zahlreiche Artikel in der Fachzeitschrift „Theorie und Praxis“ stammen aus seiner Feder.
Seit Beginn der 70er-Jahre war Kollege Preuß als Mitglied des Bezirksvorstandes Leipzig der GSM unter anderem für die Pressearbeit verantwortlich. Anfang 1986 wählte ihn der Bezirksvorstand zu seinem Vorsitzenden. Dieses Amt übte er bis zur Selbstauflösung der GSM im November 1990 aus. Einen Monat später gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Stenografenvereins Leipzig 1990. Im Jahre 1992 wurde er in den Systemausschusses des Deutschen Stenografenbundes gewählt. Bei den Intersteno-Kongressen 1991, 1993, 1995 und 2001 wirkte er in der Jury für den Mehrsprachenwettbewerb mit.
Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes konnte sich Georg Preuß in den letzten Jahren leider nicht mehr aktiv am stenografischen Leben beteiligen. Mit seinen Leistungen bei Wettschreiben, vor allem aber bei der Vermittlung der Stenografie an die junge Generation hat er sich selbst das beste Denkmal gesetzt.





